„Hätte ich gewusst, dass sie kommen, hätte ich mir das Leben genommen“ – ein Fallbeispiel zum Internationalen Tag der Suizidprävention

Um die Öffentlichkeit auf die weitgehend verdrängte Problematik der Suizidalität aufmerksam zu machen, wird alljährlich am 10. September der Welttag der Suizidprävention veranstaltet. Er wurde von der International Association for Suicide Prevention (IASP) und der Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals 2003 ausgerufen.

In den Psychosozialen Zentren des NTFN e.V. an verschiedenen Standorten in Niedersachsen (u.a. Hannover) soll durch die offenen dolmetschergestützten Sprechstundenangebote ein Beitrag zur Krisenintervention bei Geflüchteten geleistet werden. Traumatisierte und psychisch erkrankte Geflüchtete finden hier eine erste Anlaufstelle. Dabei sind die lange Unsicherheit über den Aufenthalt und die Trennung von Familien Rahmenbedingungen, die die Symptomschwere z.B. bei Depression und posttraumatischer Belastungsstörung verstärken.

„Hätte ich gewusst, dass sie kommen, hätte ich mir das Leben genommen“
Ein Fallbeispiel

Devran (Name geändert) ist 26-jähriger Kurde aus Syrien und seit dem Sommer 2017 in Deutschland. Er hat den Militärdienst verweigert, weshalb ihm in seiner Heimat die Todesstrafe droht. Devran ist auf dem Landweg über die Türkei eingereist und wurde innerhalb der EU erstmals in der Slowakei registriert, weshalb ihm die Abschiebung in die Slowakei (aufgrund der „Dublin-Verordnung“) droht. Seine gesamte Familie lebt in Niedersachsen.

Devran war bereits in Syrien wegen chronischer Depression und Angststörungen in Behandlung. Nach einer akuten Krise wird er stationär in einer psychiatrischen Klinik behandelt und stellt sich danach im NTFN vor – er berichtet von Schlafstörungen und suizidalen Gedanken. Fortan besucht er die Offene Sprechstunde in einem unserer Psychosozialen Zentren sowie ein gruppentherapeutisches Angebot. Zusätzlich wird er von unseren Mitarbeiter*innen an einen niedergelassenen Psychiater vermittelt.

Hauptressource für Devran ist seine Familie; mehrmals spricht er davon, dass es ihm besser ginge, wenn er tot wäre, dass er diesen Schritt aber seiner Familie zuliebe unterlässt. Die Umverteilung aus der Erstaufnahmeeinrichtung in den Wohnort seiner Familie wird bewilligt. Eine große Belastung bleibt jedoch die Angst, in die Slowakei abgeschoben zu werden – er kennt dort keinen einzigen Menschen. Trotz eines gegenteiligen fachärztlichen Gutachtens erachtet die Ausländerbehörde ihn als reisefähig, die Abschiebung kann jederzeit vollzogen werden.

Eines Tages stehen drei Streifenwagen, acht Beamte sowie ein Arzt vor der Wohnung seiner Familie. Er soll in die Slowakei abgeschoben werden. Devran versteckt sich im Schrank und bleibt trotz Hausdurchsuchung unentdeckt. „Hätte ich gewusst, dass sie kommen, hätte ich mir das Leben genommen“, sagt Devran später. Mehrere Wochen lang traut er sich nicht, die Wohnung zu verlassen, auch seine Termine beim Psychiater sowie im NTFN lässt er verstreichen.

Nach Ablauf der Überstellungsfrist übernimmt Deutschland das Asylverfahren und Devran erhält einen subsidiären Schutz. Er darf vorerst in Deutschland bleiben. Er beginnt, sich langsam wieder zu stabilisieren. Endlich erhält er die Möglichkeit, einen Sprachkurs zu besuchen und arbeiten zu gehen. Lange hatte er das Gefühl, eine Belastung für seine Familie zu sein, weil er nicht arbeiten kann. Nun, knapp zwei Jahre nach seiner Einreise, hat Devran erstmals eine Perspektive.

Damit Fälle wie die von Devran einen positiven Weg nehmen, ist es wichtig, die Betroffenen frühzeitig psychosozial und psychotherapeutisch zu begleiten. Diese und weitere Aufgaben verfolgt das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen e.V. (NTFN). Unsere Arbeit ist auf Spenden angewiesen. Informationen, wie Sie uns unterstützen können, erhalten Sie hier