Kommentar des NTFN e.V. zu den Ergebnissen der AOK-Studie über traumatisierte Geflüchtete

Eine aktuelle Studie der AOK zeigt: Rund drei Viertel der in Deutschland lebenden Geflüchteten haben Gewalterfahrung gemacht. Etwa 34% haben die Verschleppung oder Ermordung von Angehörigen zu verkraften, jeder Fünfte wurde gefoltert. Viele wurden Zeugen von Ermordungen und Misshandlung, mehr als sechs Prozent war sexueller Gewalt ausgesetzt. Viele der Betroffenen sind mehrfach traumatisiert.

Die Ergebnisse der AOK-Studie decken sich mit den Erfahrungen, die wir im Behandlungsalltag in unseren psychosozialen Zentren tagtäglich machen. Wir sehen uns durch die Studie in der Notwendigkeit unserer Arbeit bestätigt.

An der Befragung des Wissenschaftlichen Dienstes der AOK haben über 2.000 Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak teilgenommen. Damit wurden eben jene Herkunftsgruppen abgebildet, die seit 2016 nicht nur den Hauptanteil in Deutschland, sondern auch in unseren Behandlungszimmern ausmachen. Die erschreckenden Erlebnisse, die diese Menschen machen mussten, bleiben nicht ohne Folgen: etwa 44% zeigen Anzeichen einer depressiven Erkrankung. Aus diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ergibt sich für eine solidarische Gesellschaft die Pflicht, zu handeln.

Daher freuen wir uns, dass mit Mitteln des Landes Niedersachsen im vergangenen Jahr sieben weitere NTFN-Standorte ausgebaut werden konnten. Es wurden Mittel für Dolmetscherkosten bereitgestellt, und auch hinsichtlich der psychiatrischen Versorgung sind wir einen Schritt weiter gekommen: Im Rahmen des Kooperationsprojekts refuKey (durchgeführt mit der DGPPN) helfen wir einzelnen psychiatrischen Kliniken dabei, Geflüchteten einen reibungsloseren Aufenthalt in der psychiatrische Regelversorgung zu ermöglichen und diese gleichzeitig besser an psychosoziale Angebote anzubinden. Diese Unterstützung durch die Landesregierung ist erfreulich, und insbesondere mit Hinblick auf andere Bundesländer nicht selbstverständlich. Eine langfristige Finanzierungssicherheit würde für Behandelnde wie Betroffene jedoch zusätzliche Versorgungssicherheit schaffen.

Aus unserer Sicht sind es aber auch die Krankenkassen, die durch Finanzierung geeigneter Therapeut*innen im Kostenerstattungsverfahren Probleme lösen könnten. Hinzu kommen Auseinandersetzungen hinsichtlich der Dolmetschendenkosten, welche von den Krankenkassen generell nicht übernommen werden. Hier sollten gesetzliche Vorgaben eine transparente und eindeutige Rechtslage zugunsten der Betroffenen schaffen, die sonst ohne Sprachmittlung notwendige Leistungen nicht in Anspruch nehmen können.

Wir stimmen überdies mit dem Studienfazit überein, dass ein Mangel professioneller Hilfe in den kommenden Jahren zu nachhaltigen, gesamtgesellschaftlichen Problemen führen kann: ein solcher Mangel würde Integrationsleistungen erschweren, teilweise unmöglich machen und den Betroffenen, wie auch deren Kindern und Kindeskindern (“Sekundärtraumatisierung”) schaden.

(Die vollständige zwanzigseitige Studie finden Sie unter: https://gg-digital.de/imperia/md/gug/beilagen/wido_monitor_0118.pdf)